Der Tiger (2025): Gefangen im eigenen Tun
- Florian Wolf

- 5. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Fünf Männer, eingeschlossen in einem Panzer, irgendwo im Jahr 1943. Der Krieg ist entschieden, aber noch nicht vorbei. Der Tiger (2025) interessiert sich nicht für Frontverläufe oder Heldengeschichten, sondern für das Gefühl, am falschen Ort zur falschen Zeit gefangen zu sein. Dennis Gansel inszeniert Krieg als Zustand permanenter Enge, als körperliche und mentale Überforderung, in der Technik nur die Illusion von Kontrolle aufrechterhält.

Der Tiger (2025) Kritik von Florian Wolf
Enge, schwitzende Körper, zusammengepfercht in einem Stahlkoloss. Für einen Moment
meint man, Das Boot (1981) noch einmal zu sehen, diese Ikone des deutschen Kriegsfilms, in der Männlichkeit und Technik ein tödliches Bündnis eingehen. Doch Dennis Gansels Der Tiger (2025) wählt einen anderen Schauplatz und bleibt doch dem gleichen Gefühl verpflichtet. Isolation. Ausweglosigkeit. Die Illusion von Kontrolle. Ein Panzer, fünf Männer, das Jahr 1943. Der Krieg ist faktisch verloren, aber noch lange nicht vorbei. Und genau in diesem historischen Zwischenraum setzt der Film an.
Gansel versteht es, seine Figuren nicht als Helden, sondern als verbrauchte Körper zu zeigen. Schweiß wird zum permanenten Begleiter, Schmutz zur zweiten Haut. Das Make up erzählt hier mehr als mancher Dialog. Diese Männer sind nicht am Anfang eines Feldzugs, sie sind am Ende einer moralischen und physischen Belastbarkeit. Die Action, so präzise und wuchtig sie inszeniert ist, dient nie der Glorifizierung. Sie bleibt dicht, nervös, manchmal fast beiläufig. Besonders dann, wenn der Film innehält, wenn eine Mine gefunden wird oder ein Blick zu lange auf etwas ruht, entfaltet sich seine eigentliche Spannung.
Die fünfköpfige Besatzung funktioniert als geschlossenes System, ein soziales Experiment unter Extrembedingungen. Jeder trägt seine Geschichte, seine Haltung, seine Angst mit sich. Dadurch wirken die Gefechte weniger wie Spektakel als wie unausweichliche Eskalationen. Der Film erzählt nicht vom Krieg als abstraktem Ereignis, sondern vom Eingeschlossensein in einer Logik, die keinen Ausweg mehr kennt.
Lange scheint Der Tiger (2025) genau das zu sein, was man erwartet. Ein gut gemachter,
klassischer Kriegsfilm. Und vielleicht ist gerade diese Erwartung Teil seines Plans. Denn erst im Finale kippt die Perspektive. Plötzlich wird klar, dass der Film die ganze Zeit etwas anderes erzählt hat, als man zu sehen glaubte. Die letzten Minuten legen eine neue Lesart über das zuvor Erlebte. Nicht laut, nicht plakativ, sondern leise und konsequent.
Der Tiger (2025) tarnt sich lange als vertrautes Genreprodukt und entpuppt sich erst spät als Reflexion über Wahrnehmung, Schuld und militärische Sinnleere. Gerade diese
Zurückhaltung macht seine Stärke aus. Ein Film, der erst im Nachhinein seine volle Wirkung entfaltet und genau darin hängen bleibt.



