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Die leeren Zimmer eines Landes, das seine Kinder im Stich ließ

  • Autorenbild: Florian Wolf
    Florian Wolf
  • 16. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Manchmal braucht es einen Film, der nicht laut ist, um unerträglich laut zu wirken. ALL DIE LEEREN ZIMMER (OT: All the Empty Rooms) (2025) verweigert sich jeder Form der Sensation, jeder Dramatisierung des Grauens, und findet gerade darin seine erschütternde Kraft. Die Kamera blickt nicht auf Tatorte, nicht auf Täter, nicht auf Schlagzeilen, sondern auf Räume, die geblieben sind. Kinderzimmer, die nicht mehr betreten werden, und ein Land, das gelernt hat, mit dieser Leere zu leben.




ALL DIE LEEREN ZIMMER (OT: All the Empty Rooms) (2025) Kritik von Florian Wolf


Ich habe mir schon seit Tagen vorgenommen, die Kurzdokumentation ALL DIE LEEREN ZIMMER (2025) auf Netflix anzusehen. Einen solchen Film möchte man nicht nebenbei oder kurz vor dem Schlafengehen schauen, sondern ihm bewusst Raum geben und vielleicht den richtigen Moment erwischen, auch wenn man ahnt, dass es diesen nie geben wird. Wichtig ist nur, dass man diesen Film am Ende sieht, wann auch immer das sein mag. Er ist womöglich die wichtigste Dokumentation, die dieses Jahr auf Netflix erschienen ist.


Steve Hartman ist Journalist und arbeitet für die CBS Evening News. Dort ist er eigentlich für die leichten, human interest stories zuständig, für jene kleinen Alltagsgeschichten, die das Publikum am Ende der Nachrichtensendung mit einem positiven Gefühl entlassen. Doch seit Jahrzehnten beschäftigt er sich auch mit den School-Shootings in den USA. Er erkannte, dass er selbst, aber auch das Land insgesamt, in Bezug auf dieses Thema abgestumpft sind. Es dauert nie lange, bis ein neues Ereignis die mediale Aufmerksamkeit bindet und so getan wird, als wäre nichts geschehen, denn School-Shootings sind in den Vereinigten Staaten längst Teil einer erschreckenden Routine geworden. Aus dieser medienkritischen und zugleich selbstreflexiven Haltung heraus verändert Hartman seinen Ansatz und initiiert ein neues Projekt. Genug wurde über die Täter gesprochen, nun richtet er den Fokus auf die Opfer und ihre Familien.


Gemeinsam mit dem Fotografen Lou Bopp reist Hartman durch die USA und besucht die betroffenen Familien. Er spricht mit den Eltern über ihre Kinder und betritt deren Zimmer, die seit dem Tag, an dem das Kind das Haus verließ und nie wieder zurückkehrte, unverändert geblieben sind. Bopp fotografiert diese Räume und die darin befindlichen Gegenstände, bei denen wir als Zuschauer nur erahnen können, welche individuellen Geschichten sie tragen und welche emotionale Bedeutung sie für die Opfer gehabt haben müssen. Die Kinderzimmer fungieren dabei als visuelle Zeitkapseln, als mise-en-scène der Erinnerung, der Trauer und als Marker einer Zeitrechnung vor und nach dem School-Shooting.


Die Dokumentation nimmt den Schmerz der Eltern auf, ohne ihn auszustellen, und geht dabei äußerst vorsichtig und pietätvoll vor. So zieht der Fotograf jedes Mal seine Schuhe aus, bevor er eines der Zimmer betritt, eine kleine, aber wirkungsvolle Geste der Humanität und des Respekts, die sich tief in die Bilddramaturgie einschreibt. Der Film versteht sich als leiser Weckruf, als stiller Appell an eine Gesellschaft. Wie kann ein solcher Zustand zur Normalität werden? Die verlassenen Zimmer werden zu Spiegeln der Persönlichkeiten der Opfer und zugleich zu Symbolen dafür, dass diese Menschen mit all ihren Hoffnungen und Zukunftsentwürfen nie erwachsen werden durften.


ALL THE EMPTY ROOMS (2025) wählt einen zurückgenommenen, beobachtenden Stil, der sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern den Fotografien und den Räumen selbst die narrative und emotionale Tragkraft überlässt. Die Kamera fungiert dabei weniger als kommentierende Instanz denn als vermittelndes Beobachtungsinstrument, das Steve Hartman auf seinem Weg begleitet. Dieser Film packt uns am Arm und konfrontiert uns mit der unbequemen Wahrheit, dass das, was in den USA geschieht, nicht normal ist, niemals normal sein sollte und dennoch Realität bleibt. Und trotzdem darf es nie nur ein weiteres School-Shooting und nie nur ein weiteres totes Kind sein. In dem Moment, in dem dieser Zustand zur gesellschaftlichen Normalität wird und der Aufschrei immer leiser wird, bis er schließlich ganz verstummt, hat eine Gesellschaft resigniert und ihre Kinder im Stich gelassen.


ALL DIE LEEREN ZIMMER (2025) Kritik Wertung: ★★★★

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